They abolished the death sentence
Die Fahrt nach Pretoria ist länger geworden. Im gesamten Johannesburger Raum und Umgebung scheinen alle Autobahnen in Baustellen verwandelt. Alle Straßen werden für 2010 aufpoliert. Morgens und am frühen Abend braucht man 2 bis 4 Stunden für eine Strecke, die man bei freien Straßen in 40 Minuten schaffen kann. Die Kilometer, die man in Johannesburg und Pretoria hinter sich bringen muss, scheinen auch der Polizei zu schaffen zu machen: Im Radio höre ich, dass in Pretoria gegen Ende des Monats in einer Polizeistation die Polizisten nicht mehr mit ihren Autos ausrücken wollten, da eine neue Regelung ihnen auferlegte, dass sie jegliche Kilometerkosten, die ein monatliches Limit von 2500 km übersteigen, aus der eigenen Tasche bezahlen müssten. Natürlich wollte man auf diese Weise den privaten Gebrauch von Dienstfahrzeugen begrenzen. Resultat war allerdings, dass die Polizisten nicht bereit waren, Einsätze zu fahren.
Vor dem Eingang des Nationalarchivs in Pretoria erkläre ich jeden Morgen aufs Neue, dass die Seriennummer meines Macbooks nicht außen auf dem Computer draufsteht. Das Sicherheitspersonal wechselt von Tag zu Tag, jeden Tag fülle ich aufs Neue ein DINA 4-Blatt aus, mit Adresse, Aufenthaltsgrund, warum mein Computer keine Seriennummer hat, wo ich telefonisch erreichbar bin. Ein ähnliches Formular fülle ich auch drinnen im Archiv noch einmal aus. Eines Morgens winkt mich der Sicherheitsmann vor dem Archiv durch. “Oh, so you trust me by now?” grinse ich ihn an. “No, we don’t have any sheets left.”
Meine Damen im Archiv – wir kennen uns nun schon seit 4 Jahren – sind enttäuscht, dass ich so wenig Zeit bei ihnen verbringe. Schließlich haben sie meine Lieblingskekse für mich parat, die Kaffeepausen werden ausgedehnt. Dass mein Aufenthalt auch mit Forschung zu tun hat, tritt etwas in den Hintergrund. Was den Tatbestand fast trifft: Eigentlich habe ich mehr im anderen Archiv zu erledigen als in Pretoria. Ich sehe mir noch ein paar Aufnahmen an, höre ein paar Audiokassetten der Anhörungen – aber mein eigentlicher Daseinsgrund ist, den Damen deutlich zu machen, dass ich die DVD-Kopien brauche und mit nach Hause nehmen muss. Die Kopien, die ich im November letzten Jahres und im April diesen Jahres bei ihnen in Auftrag gegeben habe. Und in der Tat – die physische Präsenz scheint zu wirken. Jeden Tag frage ich, ob sie den Kopierbeauftragten bereits erreicht hätten. Eine Frage, die ich ihnen auch ein paar Mal schon per Email gestellt hatte, ohne Antwort. Vor zwei Tagen habe ich eine Rechnung von einer Regierungsstelle bekommen über die DVDs – gutes Zeichen! Wenn ich schon für die DVDs bezahle, müssten sie ja auch existieren.
Während ich auf den Aufnahmen die damaligen Commissioners sehe, laufen in Südafrika die Verhandlungen über die Ernennung der Verfassungsrichter. Zwei der ehemaligen Commissioners, Dumisa Ntsebeza und Sisi Khampepe, sind im Rennen. Es ist interessant zu sehen, was für Karrieren aus dieser Kommission hervorgegangen sind. Auf der Shortlist der Verfassungsrichter, die von einer Kommission angehört werden, ist ansonsten lediglich ein weißer Richter dabei. Besagte Liste enthält sieben Namen, vier Verfassungsrichterposten sind zu haben. Präsident Zuma hat seinem Wunsch Ausdruck verliehen, besonders schwarze Frauen in das höchste Richteramt zu ernennen. Beifall hatte seine Entscheidung ausgelöst, Richter Hlophe nicht in den engeren Kreis der Kandidaten aufzunehmen: John Hlophe, Western Cape Judge President, war während des Korruptionsprozesses gegen Jacob Zuma der Einflussnahme auf die dem Prozess vorsitzenden Richter angeklagt. Einflussnahme im Sinne des ANC. Er galt als heißer Kandidat für das Amt eines Verfassungsrichters, die vom Präsidenten ernannt werden. Dass er nicht mehr auf der Shortlist ist, wertet die Allgemeinheit als ein statuiertes Exempel im Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Überhaupt scheint man allgemein sehr zufrieden mit Herrn Zumas Performance bis jetzt: Was seine Skandale um Polygamie, Aids und Korruption angeht – he’s been keeping a low profile. Mit Wohlwollen hat man die Ernennung der Minister aufgenommen. Der Eindruck scheint verbreitet, dass er lediglich seine Experten um ihn herum koordiniert und ansonsten einen sehr viel weniger autokratischen Führungsstil praktiziert als Mbeki.
Zu diesem “low profile” kontrastiert die immer noch währende prominente Präsenz von Julius Malema, Präsident der ANC Youth League, auf dem politischen Spielfeld. Eine Pöbeler vor dem Herrn, dessen Aussagen vor allem Provokation hervorrufen. “You’re either African, or you’re out.” Er wettert gegen die so genannten “coconuts”: schwarze Mittelklasse, die eine englische Ausbildung erhält und insofern außen zwar schwarz, innen aber weiß ist. Not African enough. Malema selbst hat wenig Zeit an Ausbildungsorten verbracht. Er hat kein Abitur. “Certainly, in a number of cases, he does go overboard as a young man,” gab Zuma diese Woche zu. Aber man könnte ihn durchaus zu einem politischen Führer machen. In jedem Fall überlässt man ihm besonders gerne die Aufgabe des Provokateurs, der noch ein bisschen grün hinter den Ohren ist.
Malemas Beleidigungen sind legendär: In einer Auseinandersetzung mit der Democratic Alliance beschimpfte er Helen Zille als “racist little girl”, ihren Vize Joe Seremane als “Helen Zille’s little garden boy”. Den Vorsitzenden der anderen Oppositionspartei Congress of the People (COPE) Mbhazima Shilowa degradierte er zum “security guard”. Im Moment steht er vorm Equality Court und muss sich für die Bemerkung verantworten, dass die Frau, deren Vergewaltigung Präsident Zuma noch vor einem Jahr angeklagt war (die Anklage wurde fallen gelassen), doch Spaß an der Sache hatte. Im Februar musste er sich offiziell bei der damaligen Erziehungsministerin Naledi Pandor entschuldigen für seine Kommentare über ihren “fake accent”.
Man fragt sich vor diesem Hintergrund, was eigentlich aus den fremdenfeindlichen Übergriffen hier vor Ort geworden ist. Es scheint sie noch zu geben – so I am told – aber es wird nicht mehr darüber berichtet. Alltagsunruhen, sozusagen. Zum Alltag der Polizei muss man wohl auch den Fortgang des Falls meines Mitbewohners G zählen. Manch einer erinnert sich an die Serie von Überfällen und Diebstählen, die er im März und April erlitt. Ich bin mir nicht sicher, ob es seine “street wisdom” gesteigert hat. Erst letzte Woche wurde wieder seine Tasche aus dem Auto geklaut – aus dem unabgeschlossenen Auto (“I just wanted to hop into the store and say hello to my friend!”) und natürlich war zufälligerweise alles in dieser Tasche, vom Reisepass über das Portemonnaie bis zum iPod. Aber davon abgesehen, erscheint mir besonders interessant, dass die Polizei ihn ein paar Wochen nach dem Einbruch in sein Auto im April anrief und sagte, man hätte Diebstahlgut gefunden. Ob er die Seriennummern der Geräte hätte, um sie als seine reklamieren zu können. Nein, die hatte er nicht. Das Gespräch endete abrupt damit, dass die Polizeibeamtin sagte, da hätten sie sich wohl dann geirrt. Es wäre doch nichts gefunden worden. G wurde sauer und fuhr zu der Polizeistation. Um festzustellen, dass seine Akte, in der er den Fall zu Protokoll gegeben hatte, nicht mehr existierte. Es sei auch kein Diebesgut gefunden worden. Niemand wüsste von einem gerade erfolgten Anruf oder von aufgefundenem Diebesgut, seine Anzeige sei gerade ja noch nicht einmal auffindbar. Was nicht durch Seriennummern reklamierbar ist, landet offensichtlich in der polizeieigenen Schatzkammer.
Die neue Anti-Crime-Initiative von Zuma lautet kurz: im Zweifel schießen. Schießen, sobald ein Verdächtiger eine Waffe hat oder zu einer Waffe greift. “If you take a gun out to me, that intent is more than clear. The next thing the criminal is going to [do is] shoot at me. That intent is very clear … police must then act to protect themselves and the innocents.” So der Präsident auf einer Polizeiveranstaltung letzte Woche. G regt sich furchtbar auf: “So whenever a policeman shoots somebody, he will be in the right!” Marieta und Freek machen mir deutlich, wie sehr sie diese Law & Order-Politik begrüßen: “They abolished the death sentence, so they must do something to scare the criminals off.”

Liebe Anne,
mein Kommentar diese Woche ist derselbe wie letzte Woche: DURCHHALTEN, NICHT AUFGEBEN! WEITERMACHEN!
Viele Grüße aus Wentorf!
Claus Gossler
Oktober 4, 2009 um 7:24 am