Archiv für April 2009
At the Battery Centre in Kliptown
Und hier ein paar bewegte Kliptown-Schnipsel:
It’s our show
27. April 2009
Während die Wahlen das öffentliche Leben der letzten Wochen bestimmt haben, ist mein Leben vor allem von der Suche nach den Wegen von “Wahrheit” geprägt gewesen. Das Nationalarchiv in Pretoria ist voller Geschichten. Leider sind nicht alle zugänglich. Je mehr Interviews ich führe, desto mehr bekomme ich den Eindruck, dass mein Forschungsgegenstand einer Hydra gleicht, in seiner damaligen Konstitution aber auch in meinem hypothetischen Versuch, ihn als Gegenstand einzugrenzen. Sobald man meint, einen Aspekt einigermaßen erfasst zu haben, taucht in einem Gespräch der Hinweis darauf auf, dass alles ganz anders war. Das historiographische Projekt, welches die Wahrheitskommission darstellt – Südafrika eine neue Geschichte geben – ist in sich historisch und entsprechend nur im Zusammendenken mit der jeweiligen Quelle – sei es ein ehemaliger Mitarbeiter, eine Aufnahme oder ein Dokument – zu begreifen. Ich versuche mich, an das Material zu halten. Jedoch schafft das Archiv in drei Monaten nicht, mir die Kopien zu erstellen, auf die ich für meine Arbeit so dringend angewiesen bin.
Meine Archivarinnen schenken mir zum Trost Schokoladenkekse zum Abschied. Sie versprechen mir, die Kopien in den nächsten Monaten fertig zu bekommen. Und sie freuen sich auf das nächste Mal, wenn sie mit mir Kaffee trinken. Sie erzählen von ihren Kindern, die sie beide auf Englisch erziehen, obwohl sie selbst afrikaanssprachig sind. Mit Englisch hätten sie einfach bessere Aussichten auf eine gute Ausbildung, meinen sie einstimmig. Beide Kinder sprechen kein Afrikaans. Zahira zögert noch, ob sie ihre Tochter auf die deutsche oder holländische Schule schicken soll.
Der Monat hat seine Einbrüche, im wahrsten Sinne des Wortes. Carolas Auto wird aufgebrochen und das Radio gestohlen. Gs Autotür finden wir aufgebogen vor, als wir von einem Kneipengang in Melville zurückkehren. Die Ausbeute ist gewaltig: zwei Handys, eine Kamera, diverse DVDs, das GPS. Dominique, die hinterm Haus im Gartenhaus wohnt, erlebt sehr viel Schlimmeres: Ihre Schwester wird bei einem Überfall auf das Haus ihres Vaters von den Einbrechern niedergeschossen, während sie den Notfallknopf betätigt. Die Einbrecher fliehen, die Ausbeute: 200 Rand (ca. 18 Euro). Die Kugel streift Leber, Lunge und Wirbelsäule, aber richtet glücklicherweise keine lebensbedrohlichen oder paralysierenden Schäden an.
Es gibt auch andere Nachrichten in genau der selben Woche: Leo, der ebenfalls hinten im Garten wohnt und aus Simbabwe geflohen ist, bekommt endlich einen südafrikanischen Personalausweis. Leider nicht mit seinem Namen und seinem Geburtsdatum. Denn die sind bereits registriert unter “Illegale Einwanderung”, er wurde einmal deswegen festgenommen und zurückgeschickt. Ein Personalausweis bedeutet eine Arbeitserlaubnis. G erzählt von seinem Job auf einem Pferdeturnier in Polokwane, wo die simbabweanische weiße Delegation mit hochklassigen Pferden in Luxuskarossen anreiste. Offenbar gibt es in dem Land, in dem keine öffentliche Infrastruktur mehr funktioniert, das Gesundheits- und Versorgungssystem komplett zusammengebrochen ist, eine Gruppe von Superreichen, die nicht von ihren Farmen verjagt wurden, sondern mit Mugabe zusammenarbeiten. Sie bewirtschaften die Farmen für Mugabe, geben einen Teil ihrer Erträge an die Regierung ab – und leben in einer Blase, in der ausländische Währung den Lebensstandard erhält. Ich lese in der Zeitung, dass Mugabe der zwölfreichste Privatmensch der Welt ist. Die Schweiz hat inzwischen seine Konten eingefroren.
Oceans sagt, eines hätte Mugabe richtig gemacht: er hätte seinem Volk Zugang zu Bildung ermöglicht. Das sei schließlich der Grund, warum die Immigranten aus “Zim” hier Arbeit bekämen, sie seien gut ausgebildet und würden für weniger arbeiten. Oceans ist – ja, was eigentlich: Galerist? Künstler? Kulturmanager? Sozialarbeiter? in Kliptown in Soweto. Als ich in Newtown in der Bag Factory, einem Künstlerkollektiv, eine Ausstellung anschaue, treffe ich auf Niels aus Berlin. Er ist Artist-in-Residence für einen Monat. Eine Woche lang leitet er einen Workshop in Kliptown im Battery Centre, einem Jugendzentrum. Kliptown liegt in Soweto – auf der anderen Seite der Bahnschienen, wie es heißt. Auf der anderen Seite der Bahnschiene gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser. Die Workshop-Woche soll mit einer kleinen Ausstellung und einem Konzert beschlossen werden. Ich verfahre mich auf dem Weg, der junge Mann an der Tankstelle, den ich nach dem Weg frage, bietet mir an, mit mir mitzufahren. Ich winke ab, etwas ängstlich, versuche seinen Beschreibungen zu folgen. Plötzlich ruft es hinter mir “No, you must go left, and then right!” Er war mir auf einem Fahrrad gefolgt, um zu sehen, ob ich richtig ankomme. Es ist schon fast dunkel, als ich auf dem Parkplatz vor dem Battery Centre ankomme.
Niels hat mit den Kindern einen Flughafen aus Pappe gebastelt. Die Kinder sind noch nie auf einem Flughafen gewesen. Stolz erklären sie mir das Modell, den Terminal, die Flugbahn, die Modeboutique. Ich unterhalte mich lange mit Andrew, einem 15jährigen Jungen, einer der wenigen, die fließend Englisch sprechen. Er erzählt, dass er Tänzer werden will, sich aber keinen Unterricht leisten kann. Er wäre bereits nach Newtown gefahren, wo die Compagnie Moving Into Dance Kurse anbietet, aber das würde zu viel Geld kosten. Stipendien gäbe es erst, wenn er die Schule abgeschlossen hat. Später wird er in den Gruppen mittanzen, die vor dem Konzert zeigen, was das Battery Centre unterrichtet: Gum Boot Dance, Hip Hop, Traditional Zulu Dance. Ich frage ihn, was seine Muttersprache ist. Tswana, sagt er. Warum tanzst du Zulu-Tänze? Das sei einfach besser angesehen.
Nach unzähligen Soundchecks, Stromausfällen und Arbeiten am Generator fängt das Konzert an. Es ist dunkel, lediglich die beiden Strahler auf dem Parkplatz beleuchten den Asphalt. Vielleicht 150 Leute sind da, der Leiter des Battery Centre tritt immer wieder auf die Bühne und beschwört die Jugendlichen, friedlich und gesittet zu bleiben. “It’s my show, it’s your show, it’s our show!” skandiert er immer wieder. Die Bands spielen, es wird getanzt. Die Jugendlichen bilden einen Kreis und lassen jeweils einen in die MItte tanzen. Niels und ich kaufen Bier in einer Shebeen, einer illegalen Kneipe und teilen uns eine Literflasche. Oceans versucht mich zu überreden, ins Import-Export-Geschäft mit ihm zu treten und lokal gefertigten Schmuck in Deutschland zu verkaufen. “Self-empowerment” sei das, das sei die beste Möglichkeit, den Frauen zu helfen. Ich winde mich. So sehr ich seine Bemühungen schätze, ich werde ihn enttäuschen. Ich hatte den Schmuck noch gar nicht gesehen.
Indra arbeitet viel mit dem Zentrum zusammen, bringt Künstler wie Niels hierher, hilft bei der Organisation von Konzerten. Wir gehen zusammen ins Holiday Inn, um das Klo aufzusuchen. Das Holiday Inn, welches – fast zynisch – direkt in Kliptown steht, um ausländische Besucher zu beherbergen. Angeblich ist es pleite. Wer will schon neben dem Elend in einem Luxushotel wohnen. Aber die Klos sind sauber und beleuchtet. Als Niels und ich uns etwas zu essen holen beim lokalen Fast-Food-Anbieter “Chicken Licken”, sitzt eine Gruppe von Jungs vor dem Lokal und sieht uns beim Essen zu. Ungeduldig wartet einer von ihnen am Eingang, bis ich ihm die Packung mit Hühnchenteilen reiche.
Die große abschließende Nachricht der Wahlwoche lautet: der ANC hat die Zweidrittelmehrheit verfehlt. Allerdings sehr knapp: 65,8 % lautet das Endwahlergebnis. Was heißt, es wird keine Verfassungsänderungen mit dem ANC geben. Die DA hat die Western Cape Province gewonnen. Helen Zille wird von ihrem Bürgermeisterposten in Kapstadt zurücktreten, um die Provinzregierung führen zu können. Heute wurde bekannt gegeben, dass die Feierlichkeiten zur Einführung in das Amt des neuen Präsidenten 75 Milliarden Rand (ca. 6,2 Milliarden Euro) kosten werden. Fairerweise muss man sagen, dass Mbeki bei seiner letzten Amtseinführung auch so viel ausgegeben hat. Die Südafrikaner lassen sich das Feiern ihrer Demokratie etwas kosten.
Ich sitze am Boarding Gate nach Frankfurt, nachdem ich eine Stunde am Check-in versucht habe, mein Gepäck durchzubringen. 20 kg sind 20 kg. Auch 21 kg werden bei South African Airways nicht akzeptiert. Erst als mein Mitbewohner mitbekommt, wie die Dame, die das Gepäck abwiegt, durchaus eine Ausnahme für eine Passagierin macht, winkt sie meine 21 kg durch. Ich höre am Boarding Gate, dass andere Deutsche draufzahlen bzw. umpacken mussten.
Ich bin schon wieder weg. Und vermutlich bald wieder da.
Stop Zuma!
23. April 2009
Gestern war Feiertag. Südafrika hat gewählt. Lange lange Schlangen bildeten sich vor den Wahllokalen, Leute warteten Stunden, bis sie zur Wahlurne vordrangen. Die Wahlbeteiligung steht noch nicht fest, aber man rechnet mit ca. 80%. Höher als bei der letzten Wahl. Die Nachrichten sind voll von begeisterten Wählern, die bewegt sind durch ihre eigene Stimmabgabe. Südafrika feiert seine Demokratie.
Während erst 60% der Stimmen ausgezählt sind (endgültige Ergebnisse werden für das Wochenende erwartet), feiert der ANC zu dieser Stunde im Stadtzentrum seinen Sieg und dankt seinen Wählern. Straßen sind gesperrt, das gesamte Stadtzentrum scheint blockiert, Tausende und Tausende von Leuten feiern den ANC. Und feiern Zuma, der sich in Lederjacke tanzend und singend auf der Bühne mit seinen Parteigenossen zeigt.
Was feiern sie? Der ANC hat bisher – wie zu erwarten war – die große Mehrheit gewonnen. Aber: es ist immer noch nicht klar, ob er die Zweidrittelmehrheit erreichen wird. Die Stimmen, die ihm dazu fehlen könnten, scheinen überwiegend der DA, der Democratic Alliance von Helen Zille, zugefallen zu sein. In der Provinz Western Cape, wozu auch Kapstadt gehört, hat die DA knapp 50% der Stimmen bekommen. COPE liegt national abgeschlagen irgendwo bei einer einstelligen Prozentzahl, während die DA eine gute Chance haben, auf insgesamt 15% der Stimmen zu kommen. Die knapp 10 000 Stimmen der im Ausland lebenden registrierten Wähler, die bereits vor ein paar Tagen mehrheitlich in London und Canberra gewählt haben, haben zu mehr als Dreiviertel für die DA gestimmt.
“Stop Zuma” hieß es auf dem Wahlplakat, welches die DA in großer Eile hat drucken und noch aufhängen lassen, nachdem die Anklage wegen Korruption gegen Zuma von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen war. Wie man es dreht und wendet: dieser Wahlkampf rotierte um Zuma. Tage, nachdem Zuma von der Anklage befreit war, setzte er zu einer Tirade gegen das Verfassungsgericht in Südafrika an. Die Richter würden sich zu wichtig nehmen, sie seien keine Götter. Zeitungsartikel waren voll von beunruhigten Kommentaren, die Zumas Verachtung für die südafrikanische Verfassung witterten.
Fassen wir dieses eher bewegte Führungszeugnis des bekennenden Polygamisten zusammen: eine Anklage wegen Vergewaltigung, die zwar in seinem Sinne beschieden wurde, aus deren Verhandlung jedoch seine legendäre Aussage hervorging, er hätte zwar gewusst, dass besagte Anklägerin HIV-positiv gewesen wäre, aber er hätte sich doch nach dem “einvernehmlichen Verkehr” geduscht; eine Anklage wegen Korruption und Hinterziehung von Geldern, bei deren ersten Verhandlung die gesamte Schuld auf seinen Finanzberater abgewälzt wurde, der nun nach vier Jahren vermutlich wegen schlechter körperlicher Verfassung vorzeitig entlassen wird; eine Revision der Anklage, die unter dem Verdacht steht, von Mbekis Regierung befördert worden zu sein und deswegen fallen gelassen wird. Warum also wurde er nicht gestoppt?
Die Political Analysts überschlagen sich in der Lobpreisung des diplomatischen und integrativen Charakters Zumas. Er hätte es geschafft, die Leute zu mobilisieren. Er sei in die Townships gegangen, in die Kirchen, hätte direkt auf Anfragen und Bedürfnisse reagiert. Er hätte einen hervorragenden Wahlkampf geliefert. Er hätte den Menschen Hoffnung gegeben, dass sich etwas ändert. Denn genau die Probleme, die allerorts angeprangert werden – Korruption, Vetternwirtschaft, unzureichende Bildungs- und Wohnungsbauinitiativen – hat sich der ANC auf die Fahnen geschrieben. Auch wenn die Wähler dieselbe Partei wählen, die in den vergangenen Jahren eben diese Punkte vernachlässigt hat, so haben sie dennoch das Gefühl, eine andere Partei zu wählen. Zuma ist der afrikanische Führer nach dem europhilen Mbeki. Er ist der starke Mann im Land nach dem akademischen Intellektuellen, der sein Heil in der Lösung der Konflikte anderer Länder suchte. Zuma ist die Erlösung nach Mbeki.
Die Wahlen sind verhältnismäßig friedlich gelaufen: keine größeren Unruhen. Im Eastern Cape ist ein prominenter Parteifunktionär von COPE ermordet worden. Ein anderer Wahlhelfer wurde angeschossen. In diversen Wahllokalen gab es nicht genug Wahlzettel und -urnen, was großen Unmut auslöste. Was auch damit zu tun hat, dass man in Südafrika wählen darf, wo man möchte und nicht nur dort, wo man gemeldet ist. Es gab diverse sogenannte “intimidations” von Wählern und einige Vorkommnisse, wo man bereits ausgefüllte Wahlzettel in Wahllokalen fand (man fragt sich, wie viele man nicht gefunden hat), die Verantwortlichen wurden sofort suspendiert, heißt es. Im Free State war ein Laster mit Wahlurnen in einen Unfall verwickelt, die Straße war mit Wahlzetteln bedeckt, die Stimmen wurden für ungültig erklärt.
Zahira, eine meiner Archivarinnen, hat nicht gewählt. Ihr Freund hätte keine Lust gehabt, sie zum Wahllokal zu fahren. G hat auch nicht gewählt. Er hätte versäumt, sich zu registrieren. Andile hat natürlich gewählt. Natürlich ANC. Marieta und Freek haben auch gewählt, ich treffe sie am Wahlabend, sie haben den obligatorischen schwarzen Tintenfleck auf dem Finger, mit dem jeder markiert wird, der gewählt hat. Nur 20 Minuten hätten sie gewartet, da sie in dem kleinen Vorort von Vereeniging gewählt haben. Sie wollen nicht so richtig rausrücken, was sie gewählt haben. Ich vermisse die Zuma-Begeisterung, die Freek noch letzten Oktober an den Tag gelegt hatte. “You know, it is a cultural difference. African people just don’t think for a whole nation. They think in tribes. This election is a tribal question. And it seems to be time for a Zulu.”
Ich frage mich, welche seiner mindestens vier Frauen er wohl zur First Lady küren wird. Nothing can stop Zuma.

Cruising South Africa – Voortrekker Monument
Kurz bevor man vom Süden kommend nach Pretoria hineinfährt, steht auf einem Hügel von weitem gut erkennbar das Voortrekker Monument. In seiner Monumentalität erinnert es an das Völkerschlachtdenkmal. Wir zahlen ein kräftiges Eintrittsgeld, pro Person und pro Auto. Das Monument ist den Buren gewidmet, die im 19. Jahrhundert aus der Kapkolonie ins Land zogen. Es beschwört den Geist der Afrikaner, so nennen sich die afrikaanssprachigen Buren in Südafrika. 1937 wird mit dem Bau begonnen, 1949 wird es eröffnet. Drei namhafte Anführer des Großen Trecks stehen an den Ecken des Denkmals: Andries Pretorius, Piet Retief und Hendrik Potgieter. An der vierten Ecke steht “Der Voortrekker”. Um das Monument herum ist eine Mauer, deren Relief eine Wagenburg abbildet. Es ist das Symbol des Afrikaner-Volkes: loyal, solidarisch, standhaft, in der Minderheit einer Mehrheit gegenüber, wehrhaft, siegreich. “Ons vir jou Suidafrika” steht auf dem Altarstein im Keller des Monuments, auf welches man hinunterblicken kann. Wir für dich, Südafrika. Einmal im Jahr, am 16. Dezember, scheint die Sonne durch das Loch in der Kuppel direkt auf den Altarstein, um den sich allährlich eine Masse von afrikaans Leuten versammelt. Der 16. Dezember ist das Datum der Schlacht von Blood River im Jahre 1838, bei der 470 Voortrekker gegen geschätzte 10 000 Zulus aus ihrer Wagenburg heraus kämpften und dabei ca. 3 000 Zulus töteten, die in den Buffalo River fielen, der sich rot verfärbte. Nur drei Voortrekker wurden verletzt. Gott hatte das Afrikanervolk erwählt, er hatte es gesegnet und beschützt. Die Erwählten fühlten sich nicht nur berechtigt, sogar beauftragt, sich das Land und die Menschen untertan zu machen. In der Ausstellung wird eine Geschichte Südafrikas beschworen, welches erst mit dem Erschließen des Landes durch die Buren und den Opfern in Kriegen mit Zulus, Engländern und anderen Feinden, überhaupt zu existieren beginnt. Von Unterdrückung oder Apartheid gar keine Rede. In einem Glaskasten sieht man die ewige Flamme der Afrikanerseele brennen. Seit ich 1992 dort war, scheint nichts verändert außer die Ausstellungstafeln, auf denen nun auch eine Textfassung in Zulu steht.
Cruising South Africa – Buffels Bay
Das Hostel hat blaue Dächer und steht in den Dünen. 20 Meter zum Wasser. Niemand auf dem Strand zu sehen.
Cruising South Africa – Cape Agulhas
Es streiten sich die Südafrikaner, ob der Indische und der Atlantische Ozean am Cape Point oder am Cape Agulhas, der südlichsten Spitze Afrikas, zusammenfließen. Cape Agulhas ist vor allem ein Leuchtturm mit einem kleinen Restaurant im Leuchtturmhaus und einem roten Briefkasten davor, der so auch detailgenau in Cornwall stehen könnte.
Cruising South Africa – Robben Island
Einer der Gründe, für die Zuma am 22. April gewählt werden wird, ist seine Autorität als ehemaliger Widerstandskämpfer und politischer Gefangener. Im Gegensatz zum amtierenden Präsident Thabo Mbeki, der 1990 aus dem Exil in England zurückkehrte, saß Zuma in den 60ern und 70ern 10 Jahre lang auf Robben Island. Mandela saß hier 18 Jahre. Mit dem Boot fährt man vom Hafen in Kapstadt ab, um zum südafrikanischen Alcatraz zu gelangen. Nach einer abenteuerlichen Sicherheitskontrolle dauert es 40 Minuten. Wir geraten auf den Bus, in dem eine Gruppe von freiwilligen irischen Helfern, die Township-Häuser aufbauen, sich bemüßigt fühlen, dem Guide am Ende ein irisches Ständchen zu bringen. Wir sehen verlassene Häuser, eine ehemalige Kirche für Leprakranke, eine weitere Kirche, in der Paare aus Kapstadt besonders gerne heiraten, eine Moschee, eine alte britische Militärstation. Im Gefängnis werden wir von einem ehemaligen Gefangenen in Empfang genommen, der uns die Abläufe im Gefängnis erklärt. Vor Mandelas Zelle entsteht Stau. Auf dem Rückweg stehen wir draußen neben dem Kapitän der Fähre. Am Quai steht eine Gruppe mit PAC-T-Shirts (Pan African Congress) im Toyi-Toyi-Schritt. Der Kapitän an der Reling schüttelt den Kopf. “You’re staying Johannesburg? That’s where they’re throwing bricks at cars! You know, Apartheid was bad, but now…”
Cruising South Africa – Cape Point
Barrie und Maureen in Kapstadt sind gastfreundlich wie immer. Wir fahren mit Maureen und Shayne, ihrer mittleren Tochter, nach Cape Point, wo der Indische und der Atlantische Ozean angeblich zusammenfließen, picknicken dort am Strand, verbrennen in der Sonne. Auf dem Rückweg Brillenpinguine in Boulders und dann endlich – der erste Sprung ins Wasser in Fischhoek.
Cruising South Africa – Shosholoza Meyl
Das erste 2-Personen-Coupé, welches uns zugewiesen wird, erinnert an eine Gefängniszelle. Der Zug ist relativ leer, die Reisenden überwiegend weiß, das Personal ausgesprochen freundlich inklusive des mitreisenden Sicherheitspersonals, die Tickets doppelt so teuer, wie noch am Tage zuvor, da die Osterferien begonnen haben. Glücklicherweise gibt es ein freies großes Abteil, in dem wir uns einrichten. Abends um 8 kommt ein Bediensteter vorbei, klappt die Sitzbänke zu Betten um und macht die Betten für uns. Es ist kein Luxuszug, offenbar seit vielen Jahren in Betrieb. Das Restaurant ist günstig, das Curry hervorragend.Der Zug von Johannesburg nach Kapstadt braucht 27 Stunden. Morgens um halb 11 geht es los, nachmittags des nächsten Tages, mit der gebührlichen Verspätung, nach 1 1/2 Stunden Stillstand vor Worcester in den Weinbergen der Kapregion, kommen wir in Kapstadt an.
Electing Zuma
6. April 2009
“ANC on Zuma: NPA has finally seen the light”. So die Headline des Mail & Guardian. Heute hat die National Persecution Authority alle Korruptionsvorwürfe gegen Jacob Zuma, Präsidentschaftskandidat des ANC in den anstehenden Wahlen am 22. April 2009, fallen lassen. Warum? “Because the elections are in two weeks” ist die zynische Antwort, die man allerorten hier hört. Seiner Wahl scheint damit nichts mehr im Wege stehen. Und offiziell? Offiziell hat die Verteidigung von Jacob Zuma Beweismaterial vorlegen können, aus dem man schließen könnte (jedoch nicht mit Sicherheit kann), dass letztes Jahr noch amtierender Präsident Thabo Mbeki auf die Staatsanwaltschaft eingewirkt hat, die Anklage gegen Zuma wegen Korruption – die schon seit 8 Jahren läuft – wieder aufzunehmen. In jedem Fall gab es eine Absprache zwischen der Staatsanwaltschaft und einem hohen Geheimdienstfunktionär, den Prozess zu einem politisch delikaten Zeitpunkt wiederaufzunehmen. Was eigentlich nichts an den Vorwürfen selbst ändert, aber das gesamte Verfahren in Frage stellt. Nun ist das Gros der Presse und die meisten der mich Umgebenden der Meinung, dass Zuma durchaus korrupt ist. Zu ärgerlich, dass Mbeki meinte, er müsse selbst korrumpieren, um Zuma Korruption nachzuweisen. Ein Teufelskreis.

Welche Parteien sind im Rennen? Wirklich im Gespräch sind drei Parteien und ein paar Wadenbeißer. Der ANC (African National Congress), die letztes Jahr von enttäuschten ANC-Mitgliedern gegründete Partei COPE (Congress of the People) und die DA (Democratic Alliance) mit dem Flagschiff Helen Zille, die als einzige weiße Spitzenpolitikerin dem ANC die Mehrheit in einer Provinz abspenstig gemacht hat. Der ANC, unbestrittener Mehrheitsanwärter ist seit 15 Jahren an der Macht. COPE hat dem sich seitdem gebildeten Macht- und Klüngelfilz den Kampf angesagt: keine Korrpution mehr und – das ist tatsächlich ein ziemlicher profilierter Punkt in dem ansonsten eher Anti-ANC (und damit: Anti-Zuma!) orientierten Programm – Revision von BEE. BEE steht für Black Economic Empowerment. Es ist das Programm, welches der so genannten Affirmative Action ihre wirtschaftliche Grundlage gibt. Wer schwarz ist, muss finanziell gefördert – und somit auch eingestellt bzw. beauftragt – werden.
Wer ist COPE, dass sie diese heilige Kuh des neuen Südafrikas in Frage stellt? Entgegen der Vermutung: keine Weißen die der Regierung der “Apartheid the other way around” bezichtigen. Die es natürlich gibt. COPE und ihre Anhänger bestehen zu einem großen Teil aus schwarzen Mittelschichtsangehörigen, gut situiert, oft studiert. Was ihnen von Seiten der ANC-Anhängerschaft den Vorwurf einbringt, sie seien elitär und würden nicht die große Masse der Bevölkerung ansprechen. Warum wollen COPE das Programm einstellen, welches sie als ANC-Politiker nicht nur selbst implementiert haben, sondern das ihnen unter Umständen ihren Aufstieg ermöglicht hat? Aus Stolz, sagen die einen, es sei positiver Rassismus. Aber die offizielle Mitteilung lautet vor allem: weil es zu Missbrauch führt und zu genau dem Gegenteil dessen, was es bewirken will, nämlich dazu, dass eine kleine reiche Minderheit noch reicher wird.
Es ist eine herkömmliche Klage der Weißen, dass Stellen – auch Führungspositionen – nicht nach Qualifikation besetzt würden, sondern nach Hautfarbe. Dass dies dazu führe, dass schwarze Arbeitnehmer gar kein Interesse haben, sich durch Fleiß, Arbeitserfahrungen oder akademische Titel zu profilieren – sie würden ja eh ob ihrer Hautfarbe Karriere machen. Professoren hätten keinen Doktorgrad mehr. Schwarzes Führungspersonal sei unerfahrener, unqualifizierter und arbeitsunwilliger als seine weißen Mitarbeiter. Natürlich macht sich COPE diese Argumentation nicht zu eigen. Man spricht davon, dass die diejenigen, die Empowerment am nötigsten hätten – “the poorest of the poor”, wie COPE-Führer Mosiuoa Lekota sagt – nicht von BEE profitieren. BEE würde vom ANC dazu benutzt, um die eigens vom ANC eingesetzten Funktionäre an Macht und Geld zu bereichern. Viel eher solle man in Bildung und Ausbildung investieren, um einer großen Masse Perspektiven auf wirtschaftliche Verbesserung zu verschaffen. Was natürlich gut klingt. Wie diese Maßnahmen genau aussehen, bleibt unklar. Mein Mitbewohner G erzählt mir, dass in Limpopo, der Provinz im Norden, aus der er ursprünglich stammt, von 27 000 Schulen nicht einmal 10 000 in festen Häusern stattfinden. Die meisten Lehrer haben kein Studium, manche noch nicht einmal Abitur.
BEE hat etwas bewirkt. Es hat eine schwarze Mittelklasse hervorgebracht, die ihren Status an ihren materiellen Schätzen – Autos, Häuser, Designerkleidung - messen lässt. Es ist ein kleiner Teil der schwarzen Bevölkerung, der in seiner fortlaufenden Karriere auch weiterhin von BEE profitiert. Mehr noch hat BEE die weiße Bevölkerung und mit ihr dringendst benötigte Fachkräfte dazu animiert, in Europa oder Australien ihr Glück zu suchen. Das ist ein ökonomisches Problem.
Helen Zille, erfolgreiche Bürgermeisterin von Kapstadt und Vorsitzende der DA, sagt, BEE sei nur ein Feigenblatt, um Vetternwirtschaft zu kaschieren. Sie hat gute Chancen in der Provinz Western Cape, zu der auch Kapstadt gehört, die Mehrheit zu gewinnen. Was auch damit zusammenhängt, dass im Western Cape die schwarze Bevölkerung keine Mehrheit darstellt, sondern die zu Apartheidszeiten als “Coloureds” Etikettierten: alle, die weder weiß noch schwarz sind. Wäre sie nicht weiß, hätte sie auch woanders eine Chance. Was die DA dazu animiert hat, ihre Wahlplakate mit zwei weiteren Gesichtern zu zieren, einer schwarzen Frau und einem – vielleicht indischstämmigen – Mann. Die keineswegs zur Wahl stehen, sie sind einfache Parteimitglieder. Ein Schachzug, der von den anderen Parteien als peinlich und anbiedernd diffamiert wird.
Die Gewerkschaften – ganz auf Linie mit dem ANC – werfen COPE Elitismus vor. G sagt, COPE habe recht. Er geht eh nicht wählen, da er vergessen hat, sich zu registrieren. Andile, selbstständiger Ingenieur, macht Wahlkampf für den ANC. “At least the ANC has done something.” Sie waren ja auch an der Macht, entgegne ich. “Yes, but Zuma will do something for the people.” Eben erst war er mit seinem BMW aus Pretoria zurückgekehrt, wo er mit der Ministerin für Wohnungsbau über einen neuen Auftrag konferiert hat.
Und die Wadenbeißer? Die VF (Vryheidsfront) oder auch Freedom Front spricht ihr Zielpublikum mit Sprüchen wie “Zu Weiß für Arbeit” an. Die ID (Independent Democrats) in Person der unumstößlichen Politikdinosaurierin Patricia de Lille kritisieren alle und sind gegen Drogen. Die UDM (United Democratic Front) um Bantu Holomisa bleibt für die meisten Wähler ein unbeschriebenes Blatt, seit die ehemals aus einer ANC-Abspaltung und ehemaligen weißen NP-Mitgliedern (der F.W. de Klerk-Partei) entstandene Partei ihre prominenten weißen Gesichter verloren hat.
Die Wahl ist am 22. April. Zuma wird gewählt werden. Aber vielleicht nicht mit einer Zweidrittelmehrheit. Und die Frage ist, mit welcher Wahlbeteiligung.

















































































































